«Warum tut man sich das an?» – Ein persönlicher Einblick von Schiedsrichter Till Graf
Diese Frage wird mir im Zusammenhang mit meiner Tätigkeit als Fussball-Schiedsrichter mitunter am häufigsten gestellt. Oft versuche ich dann zu erläutern, weshalb es Freude bereiten soll, sich von Spielern, Trainern und Zuschauern anschreien und beleidigen zu lassen. Meistens scheitere ich kläglich. Klar, als Schiedsrichter, bzw. Schiedsrichter-Assistent ist man manchmal Teil grossartiger Spiele; eines Cupfinals, eines richtungsweisenden Aufstiegsspiels oder eines emotionsgeladenen Stadt-Derbys. Doch meistens finden die Spiele irgendwo zwischen Kuhglocken und Schützenhaus statt und man ist froh, wenn die Busstation nicht weiter als 10 Gehminuten entfernt ist. Gut, das ist vielleicht etwas überspitzt formuliert und seit ich als Assistent in der 1. Liga Classic unterwegs bin, kommen durchaus mehrere hundert Zuschauer zu den Spielen. Allerdings habe ich wie jeder andere Schiedsrichter und Schiedsrichterin bei den C-Junioren angefangen zu pfeifen.
Einmal bin ich für ein Spiel der 3. Liga an einem Sonntag drei Stunden nach Trun gefahren, um das Derby gegen Lumnezia zu arbitrieren. Ich kann mich erinnern, dass es ein einseitiges Spiel war, spätestens nach der roten Karte gegen die Gastmannschaft war der Sieg für das Heimteam nicht mehr in Gefahr. Obwohl es einige strittige Entscheide gab, haben sich nach dem Spiel Spieler und Trainer beider Mannschaften bedankt und mir zur Leistung gratuliert. Danach habe ich schnell geduscht und mich umgezogen, um den Zug, der nur jede Stunde fuhr, zu erwischen. Auf der dreistündigen Heimreise war ich glücklich darüber, dass ich dieses Spiel gut geleitet habe.
In meiner bisherigen Schiedsrichter-Karriere habe ich 359 Spiele geleitet, manche davon gut oder sehr gut, in anderen hingegen sind mir bestimmt auch spielentscheidende Fehler unterlaufen. Was ich an der Tätigkeit als Schiedsrichter interessant finde, ist die Verknüpfung von sportlichen mit psychologischen Elementen. Einerseits muss man als (ehrgeiziger) Schiedsrichter topfit sein, um jederzeit in der Nähe des Balles zu sein und Zweikämpfe, Abseitssituationen, Handspiele, etc. beurteilen zu können. Andererseits leitet man ein Spiel, welches 22 Menschen gleichzeitig spielen, inklusive Einflüsse von Trainern, Auswechselspielern und Zuschauern. Diese Aufgabe ist oft deutlich schwieriger als zu beurteilen, ob der Stürmer im Abseits steht oder nicht. Es geht bei der Spielleitung oft darum, die eigenen Entscheide zu verkaufen, eine Autorität zu wahren, ohne arrogant zu wirken. Welches sind die Schlüsselspieler eines Teams? Mit diesen muss der Schiedsrichter arbeiten, um den Draht zu den Mannschaften zu finden und damit ihm auch bei unpopulären Entscheidungen das Spiel nicht aus den Händen gleitet.
In diesem Spannungsfeld zwischen sportlicher Aktivität, Regelkenntnissen und auffangen unterschiedlicher Emotionen liegt für mich der Reiz an der Schiedsrichter-Tätigkeit, an welcher ich auch nach über 11 Jahren als aktiver Schiedsrichter für den FC Speicher weiterhin grosse Freude habe.


